Pinksourcing & logische Hygiene

Das sechste Gebote des gesunden Menschenverstands fordert: Bleiben Sie logisch sauber! Dieses Gebot ist sehr wichtig. Wir alle sollten unsre Überzeugungen auf deren logische Hygiene prüfen. Sie sollten – und das ist eine Minimalforderung für jeden vernünftigen Menschen! – zumindest logisch miteinander vereinbar sein.

Einige logische Fehltritte habe ich in Kap. 6 meines Buches beschrieben. Manche davon wirken allerdings recht konstruiert. Und das hat einen einfachen Grund: Glasklare logische Fauxpas findet man selten. Denn das meiste, was wir denken und sagen, ist zu abstrakt und zu vage, als dass man darin eindeutige logische Widersprüche erkennen könnte. In den meisten Fällen ist es möglich zurückrudern, sodass sich vermeintliche Widersprüche auflösen.

Es gibt allerdings Ausnahmen. Ein amerikanischer Student, den ich vor Jahren bei einem Auslandsaufenthalt kennenlernte, versuchte mich z.B. davon zu überzeugen, dass Frauen, die ein Kind abtreiben, die Todesstrafe bekommen sollten. Warum? Weil sie ein menschliches Leben auslöschen, und niemand hat das Recht, das zu tun!

Diese Einstellung ist nicht nur moralisch abscheulich. Wer so etwas glaubt, widerspricht sich außerdem unmittelbar. So unmittelbar, dass das jeder sofort erkennen kann. Warum, so fragte ich mich, war das diesem Studenten nicht bewusst? In Kap. 9 meines Buches beschreibe ich dieses Phänomen, das ich „logische Blindheit“ nenne. Allerdings gehe ich dort auf einen wichtigen Faktor nicht ein: ideologische Voreingenommenheit. Der Student, mit dem ich sprach, war offenbar stark in einer konservativ-religiösen Ideologie verhaftet, und das begünstigte wohl seinen Denkfehler.

Fehler dieser Art findet man allerdings nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums, sondern auch auf der linken. Die Schauspielerin Kirsten Bell demonstrierte das unlängst. Sie tritt in einem Video auf, das auf dem Youtube-Kanal der Huffpost veröffentlicht wurde. Dort geht es um die sogenannte „Lohnlücke“, also um die These, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Lohn erhalten als Männer. Diese These ist aufgrund eines Mangels an empirischen Belegen für sich genommen kontrovers. Allerdings lässt sie sich so darstellen, dass sie zumindest logisch unproblematisch ist, also keinen Widerspruch in sich enthält. Nicht so jedoch in der Darstellung des Videos. Kirsten Bell tritt vor die Kamera und sagt:

„Will Ihr Unternehmen seine Produktion maximieren und dabei Kosten sparen? Warum würden Sie dazu Ihre Produktion in ferne Länder wie Indien, China oder Narnia verlagern, wenn es die billigsten und besten Arbeitskräfte in den guten, alten Vereinigten Staaten gibt – Frauen! Mit Pinksourcing [das ist die Verlagerung von Arbeit an Frauen] sind Frauen ein Schnäppchen am Arbeitsplatz, weil Sie ihnen nur 77 Cent auf den Dollar zahlen müssen [d.h. nur 77% des Lohns, den ein Mann erhalten würde].“

(Original: „Is your company looking to maximize their output while cutting back on costs? Why outsource all your production to faraway countries like India, China and Narnia, when we have the cheapest and best work force right here in the good old U.S. of A. — women!“ With Pinksourcing, women are a bargain at the workplace since you only have to pay them 77 cents on the dollar.“)

Ich ging zunächst davon aus, dass mit diesem Video die These der Lohnlücke selbst auf die Schippe genommen werden sollte. Aber einige Klicks genügten, um festzustellen, dass das Video offenbar kritisch auf das Problem der Lohnlücke hinweisen sollte. Das passt logisch nicht zusammen. Denn man kann nicht an die Existenz der Lohnlücke glauben und gleichzeitig eine Annahme treffen, die in dem Video offensichtlich vorausgesetzt wird. Diese lautet:

Annahme: Unternehmen versuchen, ihren Gewinn zu maximieren. (In den Worten Bells: Sie versuchen, ihre Produktion zu maximieren und dabei Kosten zu sparen.)

Unter dieser Annahme wäre zu erwarten, dass Unternehmen, Maßnahmen ergreifen, um Kosten zu sparen. So müsste man z.B. annehmen, dass sie ihre Produktion in Billiglohnländer verlagern, also Outsourcing betreiben – was sie tatsächlich tun. Sie sollten allerdings auch „Pinksourcing“ betreiben, d.h. Männer entlassen und dafür Frauen einstellen. Das heißt, wenn es tatsächlich eine Lohnlücke gäbe, wenn Unternehmen also tatsächlich die gleiche Arbeitsleistung von einer Frau zu einem geringeren Lohn erhalten würden, dann würde es einen starken Anreiz dafür geben, dass man männliche Arbeitskräfte durch weibliche ersetzt. Und dann würden wir erwarten, dass es Unternehmen wie die Phantasiefirma „Pinksourcing“ tatsächlich gibt. (Zudem müsste die Arbeitslosigkeit von Männern weit höher sein als die von Frauen, was – zumindest in Deutschland – nicht der Fall zu sein scheint.) Wenn nun noch unterstellt wird, dass Kirsten Bell nicht wirklich an die Existenz solcher Firmen glaubt, darf man schlussfolgern, dass sie sich widerspricht.

Fazit: Das Video der Huffpost untergräbt logisch seine eigene These und verletzt damit das sechste Gebot des gesunden Menschenverstands!