Ist das Demarkationsproblem ein Problem für Skeptiker?

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Auf einer GWUP-kritischen Facebook-Seite, die ich nicht namentlich würdigen möchte, entbrannte Anfang dieses Monats eine Diskussion über die Begriffe „Wissenschaft“ und „Pseudowissenschaft“. Aufgrund meines Vortrags auf der diesjährigen Skepkon (Thema: „Wie erkennt man Pseudowissenschaften?“) wurde ich ebenfalls darin genannt. Deswegen möchte ich mich kurz dazu äußern. Ich hoffe, dass Skeptiker, die sonst nicht viel mit Philosophie zu tun haben, hilfreich finden werden, was ich zu sagen habe. 

Ich werde kurz etwas zum Hintergrund der Diskussion sagen und zum Problem der begrifflichen Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Meine These ist, dass das Demarkationsproblem in der Wissenschaftsphilosophie kein praktisches Problem für Skeptiker darstellt.

Hintergrund: Worum ging es in der Diskussion?

Ein Facebook-Nutzer behauptete, die GWUP ginge leichtfertig mit dem Demarkationsproblem um. Dabei handelt es sich um das Problem der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Er vertrat den Standpunkt, man dürfe die Kategorie „Pseudowissenschaft“ nicht verwenden, weil dieser Begriff nie hinreichend geklärt wurde. Die GWUP täte das aber. Also sei ihre Methodologie abzulehnen.
 
Andere Diskussionsteilnehmer – fast alle Skeptiker – sahen das naturgemäß anders. Sie behaupteten, die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft sei problemlos möglich. Meine Ausführungen auf der Skepkon wurden als Beleg dafür hergenommen. Ich argumentierte, um Pseudowissenschaften zu erkennen, bräuchte man vor allem gesunden Menschenverstand.

Bringt das Demarkationsproblem Skeptiker wirklich in Bedrängnis?

Um zu zeigen, dass das Demarkationsproblem für Skeptiker tatsächlich eine bedeutende Schwierigkeit darstellt, könnte man folgendermaßen argumentieren. (Ich denke, das Argument wird den Ausführungen des besagten Facebook-Nutzers gerecht, obwohl es natürlich etwas stilisiert ist.)

(P1)    Wenn jemand in einer Aussage A einen Begriff verwendet (z.B. den Begriff der Pseudowissenschaft), den er nicht glasklar definieren kann, dann schwurbelt er, indem er A aussagt.

(P2)    Skeptiker können den Begriff der Pseudowissenschaft nicht glasklar definieren.

(K)      Skeptiker schwurbeln, wenn Sie von Pseudowissenschaften sprechen.
 
Zunächst lohnt es sich festzustellen, dass das Argument logisch gültig ist. Wenn also beide Prämissen (P1, P2) korrekt sind, dann folgt die Schlussfolgerung mit logischer Notwendigkeit.

P2 verweist auf die philosophische Debatte um das Demarkationsproblem. Wer sich die Debatte ansieht, dem fällt auf, dass es bisher wirklich nicht gelungen ist, eine Analyse des Begriffs „Pseudowissenschaft“ zu liefern, die alle Seiten akzeptieren. Das Demarkationsproblem scheint also nicht gelöst zu sein, und für Skeptiker scheint das ein Problem darzustellen. (Randnotiz: Ich glaube, dass die vermeintliche Unlösbarkeit des Demarkationsproblems etwas damit zu hat, dass viele Teilnehmer der Debatte eine Begriffsanalyse erwarten, die notwendige und hinreichende Bedingungen enthält. Ich denke, man sollte diese Forderung zurückweisen. Der Begriff der Pseudowissenschaft ist m.E. nicht analysierbar, sondern ein sogenannter „Familienähnlichkeitsbegriff“. Wenn das zutrifft, dann bieten sich neue Lösungen für das philosophische Problem an. Ich akzeptiere aber im Folgenden um des Arguments willen, dass das Demarkationsproblem bisher nicht gelöst wurde.)

Betrachten wir nun P1. Ist es legitim zu fordern, dass Begriffe, die man verwendet, glasklar definiert werden, um sie gerechtfertigt verwenden zu dürfen? Ich denke, diese Forderung ist geradezu irrwitzig. Denn schauen wir uns einmal an, was passieren würde, wenn man sie zu Ende denkt. Wir könnten über praktisch nichts mehr sprechen. Das schließt Dinge ein, über die Philosophen gerne sprechen (z.B. Gerechtigkeit). Um das zu illustrieren, nehmen wir uns einen anderen Begriff, über den es eine lang anhaltende, philosophische Debatte gibt: den Begriff des Wissens.

Wir urteilen täglich darüber, wer etwas weiß und wer nicht. Wir treffen Aussagen wie: „Anna weiß, dass Bernd in sie verliebt ist.“ Und wir streiten uns darüber, ob das stimmt, geben Gründe dafür und dagegen, ändern manchmal unsere Meinung. Die philosophische Debatte über den Begriff des Wissens ist allerdings bisher zu keinem Ergebnis gekommen. D.h. wir können keine handfesten Kriterien angeben, die allgemein klären würden, was Wissen überhaupt ist. Ich nehme allerdings an, dass das niemanden wirklich stört. Wir machen einfach weiter wie bisher auch – philosophisches Problem hin oder her! Das gilt für den Alltag und für die Wissenschaften. In beiden Bereichen werden ständig Wissensansprüche behauptet und negiert, und niemand hat ein Problem damit.

Was folgt daraus mit Blick auf den Begriff der Pseudowissenschaft? Zunächst nur, dass das obige Argument nicht durchgeht, weil wir P1 offenbar zurückweisen können. Zumindest scheitert P1 an unserer Alltagspraxis und auch an unserer wissenschaftlichen Praxis. Dort definieren wir die wenigsten Begriffe. Und außerhalb der Mathematik, Logik und den formalen Naturwissenschaften sind die meisten Begriffe, die wir definieren, technische Termini, mit denen wir nicht den Anspruch verbinden, eine Alltagsbedeutung einzufangen.

Dennoch: Wir haben bisher lediglich ein Argument entkräftet, das gegen die Legitimität des Begriffs Pseudowissenschaft spricht. Wir haben noch nicht plausibilisiert, dass man den Begriff der Pseudowissenschaft verwenden darf. Was würde dafür sprechen? 

Nehmen wir wieder den Begriff des Wissens als Vergleichsgegenstand: Wenn wir in Einzelfällen urteilen, eine Person habe Wissen, dann urteilen andere kompetente Sprecher, die den fraglichen Einzelfall verstanden haben, genau wie wir. Zumindest tun sie das fast immer. Die Übereinstimmung in unseren begrifflichen Urteilen über Wissen ist extrem hoch. Deswegen dürfen wir den Begriff bedenkenlos verwenden. Wir können davon ausgehen, dass andere den gleichen Begriff haben und sie uns deswegen verstehen.

Wie sieht das mit dem Begriff der Pseudowissenschaft aus? Der Begriff ist sicherlich ein wenig problematischer als der des Wissens. Jeder, der über den Begriff der Pseudowissenschaft verfügt, verfügt auch über den Begriff des Wissens, aber nicht umgekehrt. Der Begriff der Pseudowissenschaft setzt Vorkenntnisse voraus, die unsere Urteilskraft orientieren. Auf der Skepkon habe ich zehn Testfragen (basierend auf den 10 Geboten des gesunden Menschenverstands) vorgeschlagen, um unserer Urteilskraft eine Richtung zu geben. Die Hypothese lautete: Wenn wir diese Testfragen anwenden, dann werden wir Fälle von Pseudowissenschaft in der Regel erkennen. Wer sich dafür interessiert, welche Fragen das sind, kann das in meinem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe des Skeptikers (02/2017) nachlesen. Hier möchte ich diese Frage offenlassen und lediglich darauf hinweisen, dass unsere Urteile über Pseudowissenschaften in den allermeisten Fällen übereinstimmen. Das alleine reicht meines Erachtens, um den Begriff zu retten, und es reicht, um die Verwendung dieses Begriffs durch Skeptiker zu rechtfertigen. Das philosophische Problem ist für sich genommen interessant, kann aber bei der praktischen Arbeit von Skeptikern weitgehend außen vor bleiben.