Die Wahl Donald Trumps – oder warum Meinungsforscher manchmal dumme Hühner sind…

Donald Trump ist der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und die Welt fragt sich, wie das überhaupt möglich ist. Kaum ein Meinungsforschungsinstitut sah ihn vorne. Alle Medien gingen von einem klaren Sieg Hilary Clintons aus. Nach Einschätzung der Huffington Post vom 8.11. (dem Tag der Wahl) betrug die Wahrscheinlichkeit, dass Hilary Clinton zur Präsidentin gewählt würde stattliche 98%.

Diese drastische Fehleinschätzung ist bemerkenswert, und sie ist lehrreich. Denn sie verdeutlicht, dass Meinungsforscher einen Denkfehler begingen, den der Psychologe Gerd Gigerenzer „Turkey Illusion“ (Risk Savvy, S. 33) nennt. Ich habe diesen Denkfehler auf S. 202-204 meines Buches Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands ebenfalls besprochen. Allerdings war der Protagonist dort kein Truthahn, sondern ein Huhn, das bei einem Bauern aufwächst:

Jeden Tag kommt der Bauer in den Stall und füttert das Huhn. Schnell gewöhnt sich das Huhn daran. Es vermutet, dass der Bauer sich um sein Wohlbefinden sorgt und es ab jetzt immer füttert. Daher bleibt es gerne bei ihm. Es könnte jederzeit ausbüxen, aber das tut es nicht. Jeden Abend kehrt es freiwillig in den Hühnerstall zurück. Eines Tages passiert etwas Unerwartetes: Der Bauer kommt wieder in den Stall. Das Huhn erwartet Futter vom ihm. Stattdessen dreht der ihm den Hals um und verspeist es zum Abendessen. (S. 203)

Aus unserer Sicht könnte man sagen: Das Huhn war ganz schön blöd! Die Situation war doch klar! Wir wissen: Bauern halten sich Hühner, um sie zu Nahrungsmitteln zu verarbeiten. Allerdings hatte das Huhn diese Information nicht. Es schloss einfach von vergangenen Erfahrungen auf künftige Ereignisse. Es ging davon aus, dass die Zukunft der Vergangenheit ähneln würde.

Was hat das mit der Wahl in Amerika zu tun? Ganz einfach: Der Denkfehler, den die Meinungsforscher machten, war dem des Huhns ähnlich. Sie hatten die Erfahrung gemacht, dass sich mit Ihren Methoden der Meinungsforschung die Ergebnisse von Präsidentschaftswahlen mehr oder weniger akkurat prognostizieren lassen. Sie gingen also davon aus, dass diese Methoden wieder ein zutreffendes Ergebnis liefern würden. Dabei ignorierten sie den Umstand, dass sich einige Parameter drastisch verschoben hatten. Der wichtigste Parameter: Diese Präsidentschaftswahl war schlicht nicht mit den Wahlen der Vergangenheit vergleichbar. In den vergangenen Jahren traten immer etablierte Politiker gegeneinander an. Diesmal war das anders. Trump war kein gewöhnlicher Kandidat, sondern ein redenschwingender Populist, ein politischer Hooligan. Als solcher sprach er Wähler an, die sonst wohl zu Hause geblieben wären. Außerdem bekannten sich offenbar viele von Trumps Wählern nicht offen dazu, dass sie ihn unterstützen. Diese Punkte hatten die Meinungsforscher schlicht nicht auf dem Schirm – genauso wie das Huhn, das wichtige Aspekte seiner Lage ignoriert und deswegen im Backrohr landet. Meinungsforscher sind also manchmal auch dumme Hühner!

Allerdings ist das nix Neues. Spektakuläre Fehleinschätzen dieser Art gab es schon oft. Die vielleicht krasseste stammte von der Zeitschrift Literary Digest, die im Jahr 1936 vorhersagte, der republikanische Präsidentschaftskandidat Alfred Landon würde einen Erdrutschsieg erringen. Das damalige Ergebnis der Wahl: Landon gewann zwei von 48 Staaten. Und Präsident wurde Franklin Delano Roosevelt.