Was ist dran an Verschwörungstheorien?

Eine Antwort aus Sicht des gesunden Menschenverstands

In der WDR-Sendung Quarks & Co. lief vor einiger Zeit ein interessanter Beitrag zum Thema „Verschwörungstheorien“. Darin geht es unter anderem um amerikanische Präsidenten, um Chemtrails, um den 11. September und um andere Themen, zu denen sich Verschwörungstheorien entwickelt haben. Die Macher der Sendung arbeiten die psychologischen und soziodynamischen Hintergründe gut auf. Wir erfahren im Beitrag z.B., dass Verunsicherung und das Gefühl von Kontrollverlust Verschwörungstheorien begünstigen, dass die reine Wiederholung einer These die gefühlte Glaubwürdigkeit erhöht und dass Verschwörungstheorien sich zu veritablen Ideologien entwickeln können. All das ist richtig. Allerdings hat der Beitrag ein Problem. Es wird eingeräumt, dass Verschwörungstheorien zutreffen können (Beispiele sind die Ermordung Lincolns, die Abhörung von Bürgern durch die amerikanische Sicherheitsbehörde NSA, die Watergate-Affäre usw.). Aber es wird nicht besprochen, wie man konfabulierte Verschwörungstheorien von solchen unterscheiden kann, an denen etwas dran sein könnte.

Wie unterscheidet man also verrückte von vernünftigen Verschwörungstheorien?

Die Leserinnen und Leser dieses Blogs werden sich nicht wundern, wenn ich sage: Hier kann der gesunde Menschenverstand helfen!

Das 3. Gebot des gesunden Menschenverstands verlangt, dass wir glaubwürdige Annahmen treffen. Eine Methode, mit der wir Annahmen auf ihre Glaubwürdigkeit hin prüfen können, ist ein Prinzip, das man „Ockhams Rasiermesser“ nennt. Es besagt, dass von zwei Theorien, die beide eine gegebene Menge von Daten gleich gut erklären, die einfachere vorzuziehen ist. Aber wie beurteilt man, wie einfach eine Theorie ist?

Betrachten wir dazu ein Beispiel aus dem Buch (Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands, S. 52-56). Wir versetzen uns in die Lage des kleinen Moritz. Der Nikolaus wird gleich kommen und Moritz freut sich schon darauf, dass er ein schönes Geschenk von ihm bekommen wird. Als der Nikolaus endlich kommt, fragt er Moritz, ob dieser auch brav gewesen sei – was Moritz natürlich eifrig bejaht. Dann gibt der Nikolaus Moritz sein Geschenk – und der freut sich! Moritz bekommt genau das, was er haben wollte. Aber wie kann das sein? Anders als im vergangenen Jahr hat Moritz dem Nikolaus gar keinen Brief geschrieben. Diesmal hat er nur seinem Großvater gesagt, was er gerne als Geschenk hätte. Außerdem fällt ihm auf, dass der Nikolaus genau aussieht wie der Opa – nur mit einem angepappten Bart. Und er redet auch sehr ähnlich – wenn auch etwas künstlicher. Moritz dämmert, dass da was nicht stimmt. Er stellt zwei Theorien auf.

Theorie A: Der Nikolaus hat zufällig große Ähnlichkeit mit Moritz Großvater.

Theorie B: Den Nikolaus gibt es nicht. Man hat Moritz all die Jahre etwas vorgemacht. Und sein Großvater ist Teil dieser „Verschwörung.“

Was spricht nun für Theorie A? Und was spricht für Theorie B?

Aus Moritz’ Sicht erklären beide Theorien die gegebenen Daten gleich gut. Der Unterschied liegt also nicht hier. Aber Theorie B ist einfacher als Theorie A! Und das spricht dafür, Theorie B vorzuziehen. Natürlich könnte es sein, dass der Nikolaus beim Geschenk für Moritz zufällig richtig geraten hat und dass er Moritz Großvater zufällig sehr ähnelt. Die einfachere – und damit wahrscheinlichere – Erklärung lautet aber: Der Nikolaus wird von Moritz’ Großvater nur gespielt. Es gibt ihn nicht wirklich.

Durch dieses Beispiel bekommen wir bereits ein grobes Gefühl dafür, wann eine Theorie einfach ist und wann nicht. Allerdings haben wir immer noch kein konkretes Kriterium, mit dem wir konkurrierende Theorien auf ihre Einfachheit hin prüfen können. Ich würde folgendes vorschlagen.

Kriterium: Die Theorie, die weniger Ad-hoc-Annahmen trifft, ist einfacher.

Zunächst: Was sind Ad-hoc-Annahmen? Um diese Fragen zu beantworten, stellen wir uns vor, wie die Geschichte von Moritz und dem Nikolaus weitergehen könnte. Wie wir bereits gesagt haben, ahnt Moritz bereits, dass an der Sache mit dem Nikolaus etwas faul sein könnte. Er hält es für möglich, dass dieser von seinem Opa gespielt wird. Deswegen beschließt er, dem Nikolaus ein paar kritische Fragen zu stellen.

Moritz: „Lieber Nikolaus, vielen Dank für das schöne Geschenk. Aber woher wusstest du eigentlich, dass ich mir das gewünscht habe?“

Nikolaus: „Das wusste ich von deinem Opa. Dem hast du es doch erzählt.“

Moritz: „Ja, das stimmt. Aber ich verstehe nicht, wie du es von ihm erfahren konntest.“

Nikolaus: „Wir sind sehr gut befreundet, dein Opa und ich.“

Moritz: „Aha, aber wie kommt es dann, dass der Opa heute nicht da ist, wo du zu uns kommst.“

Nikolaus: „Er hatte heute einen dringenden Termin.“

Glauben Sie, dass die Antworten des Nikolaus’ den kleinen Moritz überzeugen konnten? Wahrscheinlich nicht. Aber warum? Der Nikolaus beantwortet Moritz schließlich alle seine Fragen und verstrickt sich dabei nicht einmal in logische Widersprüche. Trotzdem scheint mit seinen Antworten etwas faul zu sein. Denn der Nikolaus ist gezwungen, mit jeder Antwort spontan – lateinisch: „ad hoc“ – eine neue Annahme einzuführen. Nur so kann er vermeiden, dass Theorie A widerlegt wird. Keine dieser Annahmen wäre dagegen notwendig, wenn sich der Nikolaus zu Theorie B bekennen und zugeben würde, dass er Moritz’ Großvater ist. Moritz kann das feststellen, indem er Theorie B gedanklich mitlaufen lässt. Er kann alle Fragen, die er dem Nikolaus stellt, aus Sicht von Theorie B beantworten und jeweils vergleichen, ob Theorie A oder Theorie B auf mehr Ad-hoc-Annahmen angewiesen ist.

Moritz: „Lieber Nikolaus, vielen Dank für das schöne Geschenk. Aber woher wusstest du eigentlich, dass ich mir das gewünscht habe?“

Nikolaus: „Das wusste ich von deinem Opa.“ (Ad-hoc-Annahme 1)

[Moritz denkt: „Oder Theorie B ist richtig und Du bist mein Opa.“]

Moritz: „Wie hast du das von meinem Opa erfahren?“

Nikolaus: „Wir sind gut befreundet, dein Opa und ich.“ (Ad- hoc-Annahme 2)

[Moritz denkt: „Oder Theorie B ist richtig und Du bist mein Opa.“]

Moritz: „Wie kommt es, dass der Opa heute nicht da ist, wo du zu uns kommst.“

Nikolaus: „Er hatte heute einen dringenden Termin.“ (Ad-hoc-Annahme 3)

[Moritz denkt: „Oder Theorie B ist richtig und Du bist mein Opa.“]

Der Nikolaus legt sich nicht nur auf Theorie A fest, sondern zusätzlich auf die Ad-hoc-Annahmen 1, 2 und 3. Denn ohne diese (oder ähnliche) Annahmen lässt sich Theorie A nicht aufrechterhalten. Die Geschichte, die der Nikolaus vertritt, wirkt damit ziemlich kompliziert und erscheint vergleichsweise unwahrscheinlich. Verschwörungstheorie B liefert dagegen auf jede von Moritz Fragen eine Antwort, die ohne weitere Ad-hoc-Annahmen auskommt. Deswegen ist diese Verschwörungstheorie vernünftig.

Um vernünftige von unvernünftigen Verschwörungstheorien zu unterscheiden, sollten wir also so vorgehen wie der kleine Moritz. Wir sollten darauf achten, welche Theorie komplizierter ist. Eine Möglichkeit das zu tun besteht darin, jeweils auf die Ad-hoc-Annahmen zu achten.

@Quarks & Co: Falls ihr wieder einmal etwas zum Thema Verschwörungstheorie machen wollt, gibt Euch der kleine Moritz gerne ein Interview… ;-P