Wie erkennt man Pseudowissenschaften?

(Aufsatz erschienen im Skeptiker 2/2017, S. 60-66)

Die Medizin ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist. Wer wissenschaftlich erforschte Arzneimittel verwendet, der maximiert seine Chance auf Heilung. Wer sich dagegen auf pseudowissenschaftliche Präparate verlässt, der verschenkt diese Chance oder schadet sich sogar. Aus diesem Grund ist die Frage, wie man Pseudowissenschaften erkennt, nicht nur von wissenschaftsphilosophischem Interesse. Es handelt sich dabei um eine enorm wichtige, lebenspraktische Frage. Der folgende Beitrag stellt zehn Kriterien vor, die bei der Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft helfen.

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? Die Debatte im Anschluss an die Arbeiten des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper zeigt, wie schwer es ist, eine präzise, grundlegende und philosophisch haltbare Antwort auf diese Frage zu geben. Popper war der Meinung, man erkenne Pseudowissenschaften an ihren Aussagen. Denn die seien nicht falsifizierbar (Popper 1935). Damit ist gemeint, dass sich keine empirischen Umstände angeben lassen, unter denen die Aussage als falsch eingestuft würde. Bei diesem Kriterium handelt es sich allerdings nicht um eine hinreichende Bedingung für Pseudowissenschaft.[1] Disziplinen wie die Astrologie oder die Homöopathie, bei denen es sich offensichtlich um Pseudowissenschaften handelt, treffen schließlich Vorhersagen, die man testen und widerlegen kann.

Heute ist weitgehend anerkannt, dass es eine Vielzahl von Vergleichsdimensionen gibt, die für die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft eine Rolle spielen.[2] Und in allen diesen Vergleichsdimensionen gibt es verschiedene Aspekte, die relevant sind. Poppers Falsifikationskriterium bezieht sich nur auf eine solche Vergleichsdimension – nämlich wissenschaftliche Aussagen. Sie ignoriert jedoch andere, die wichtig erscheinen. Martin Mahner nennt die folgenden: „statements, problems, methods, theories, practices, historical sequences of theories and/or practices (i.e., research programs in the sense of Lakatos), and fields of knowledge.“ (Mahner 2013, 32) Interessanterweise enthält diese (ansonsten sehr hilfreiche) Liste einen Aspekt nicht explizit: die Argumente bzw. Argumentationen, die in den Pseudowissenschaften anzutreffen sind.[3] Mir geht es im Folgenden um genau diesen Aspekt. Ich halte es für plausibel, dass man Pseudowissenschaften vor allem daran erkennt, wie sie argumentieren. Ihre Argumentationen, so meine Hypothese, versündigen sich an zehn Grundsätzen, die ich „Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands“ (Mukerji 2017) nenne.[4] Im Folgenden möchte ich diese 10 Gebote vorstellen und anhand von Beispielen erklären, wie sich daraus kritische Fragen formulieren lassen, mit denen man Pseudowissenschaften auf die Schliche kommen kann. Aufgrund der gebotenen Kürze kann ich die Konzeption des gesunden Menschenverstands, die ich zugrunde lege, natürlich nur skizzieren.

Frage 1: Wird überhaupt argumentiert?

Das erste Gebot des gesunden Menschenverstands lautet: Bringen Sie Ordnung in Ihr Denken! Um dieses Gebot zu erfüllen, brauchen Sie zunächst eine Fragestellung. Erst wenn Sie die haben, können Sie sie durch eine These beantworten und mithilfe von Gründen stützen. Diesen Prozess nennt man Argumentation. Wer das erste Gebot verletzt, denkt und argumentiert strenggenommen überhaupt nicht, sondern assoziiert bestenfalls. Pseudowissenschaften kann man manchmal daran erkennen, dass sie das tun. Die erste Testfrage, die wir stellen sollten, lautet also: Wird überhaupt argumentiert?

Zugegeben: die meisten Pseudowissenschaften scheitern nicht am ersten Gebot. Dem Wünschelrutengänger ist z.B. klar, mit welcher Frage er sich befasst („Wie finde ich Wasseradern?“). Er hat auch eine These, die auf diese Frage antwortet („Mit der Wünschelrute.“), und einen Grund dafür („Weil ich das oft probiert habe, und es funktioniert!“). Aber es gibt Disziplinen, die einen wissenschaftlichen Anspruch vertreten und bei denen wir bereits die erste Testfrage negativ beantworten müssten. Das trifft zweifelsohne auf manche Bereiche in den Geisteswissenschaften zu. Hier werden Texte produziert, in denen viel gesagt wird, ohne dass klar ist, um welche Fragestellung es im Kern geht, was die zentrale These ist und wie die Argumentation genau läuft. Das mag mitunter an der aufgeplusterten Darstellung liegen. Aber bisweilen beschleicht mich der Eindruck, dass die Autoren gewisser Texte – und ich formuliere das bewusst vage, um mich in meinem eigenen Fachbereich nicht unbeliebt zu machen – einfach nicht wissen, was sie sagen wollen.[5] Das ist aus meiner Sicht ein Anzeichen dafür, dass sie Pseudowissenschaft betreiben!

Frage 2: Gibt es Lücken in der Argumentation?

Das zweite Gebot des gesunden Menschenverstands lautet: Denken Sie lückenlos! Das bedeutet (ins Grobe gesprochen), dass Sie nicht direkt von A auf Z schließen sollen, sondern von A auf B, von B auf C usw. – bis Sie schließlich bei Z angekommen sind. Dieses Gebot ist wichtig, weil auch ordentliches Denken dem gesunden Menschenverstand widersprechen kann, wenn es problematische Lücken enthält.

Das zweite Gebot formuliert einen Anspruch, der – strenggenommen – nur in der Mathematik und Logik eingelöst werden kann. Bei der Beantwortung empirischer Fragen gibt es immer Lücken, die man durch weitere Argumentationsschritte schließen könnte. Wenn ein Forscher Messwerte erhebt und diese vermerkt, könnte man z.B. monieren, dass er sein Messegerät nicht vor jeder einzelnen Messung geeicht hat. Das erschiene allerdings kleinlich. Denn bestimmte Schritte darf man überspringen. Andere jedoch sind eminent wichtig. Sie darf man auf keinen Fall überspringen. Welche Schritte sind das? Um das zu erkennen, ist eine gewisse Kenntnis des jeweiligen Fachbereichs nötig. Wir wissen z.B., dass wir bei der Erhebung experimenteller Daten von Versuchsteilnehmern auf eine ordnungsgemäße Verblindung achten müssen. Wer den Schritt der Verblindung überspringt, der macht unter Umständen alle möglichen sonderbaren Entdeckungen. So lässt sich z.B. feststellen, dass Pferde Rechenaufgaben lösen können oder dass wirkstofffreie Präparate wirken. Halten wir also fest: Problematische Lücken in der Argumentation können darauf hinweisen, dass wir es mit einer Pseudowissenschaft zu tun haben!

Frage 3: Wird mit unglaubwürdigen Annahmen gearbeitet?

Das dritte Gebot des gesunden Menschenverstands lautet: Treffen Sie glaubwürdige Annahmen! Dieses Gebot ist notwendig, weil auch ordentliches, lückenloses Denken zu absurden Schlussfolgerungen führen kann, wenn man von zweifelhaften Annahmen ausgeht.

Was erfordert das dritte Gebot konkret? Zumindest, dass Sie nichts annehmen sollten, das mit gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen in Konflikt steht. Sie sollten einerseits keine zweifelsfrei erwiesenen Tatsachen bestreiten, z.B. dass die Masern-Erkrankung durch den Virus mit dem ICTVdB Code 01.048.1.02.001 verursacht wird. Andererseits sollten Sie nichts erwiesenermaßen Falsches behaupten, etwa dass die Erde 6000 Jahre alt ist. Wenn jemand solche Dinge behauptet, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass er einer pseudowissenschaftlichen Lehre anhängt!

Frage 4: Wird die Beweislast illegitim verschoben?

Ob es gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse mit Blick auf eine bestimmte Frage gibt, lässt sich in der Regel bereits durch eine Wikipedia-Suche klären. Was aber, wenn zu einer bestimmten Frage gar keine wissenschaftlich gesicherten Fakten vorliegen? Dann können Sie den gerade beschriebenen Gedankengang gar nicht anwenden. In diesem Fall hilft das vierte Gebot des gesunden Menschenverstands: Fragen Sie nach der Beweislast! Das bedeutet, Sie sollen klären, wer in einer Debatte die argumentative Verantwortung trägt und ob dieser Verantwortung Genüge getan wurde. Dabei sollten Sie eine Regel beachten: Wer einen Standpunkt behauptet, der trägt dafür auch die Beweislast. Oder – in den Worten von Christopher Hitchens – „(…) what can be asserted without evidence can also be dismissed without evidence.“ (Hitchens 2003) Das leuchtet unmittelbar ein. Wir können unendlich viel behaupten, und praktisch alles davon ist falsch. Ich schaue z.B. im Moment aus meinem Fenster, und dort steht ein Baum. Der trägt eine bestimmte Anzahl von Blättern. Die meisten Aussagen, die man über die Anzahl der Blätter treffen könnte, wären falsch. Es gibt nur ein enges Spektrum an Zahlen, die man als näherungsweise korrekt durchgehen lassen sollte. Wenn jemand ohne empirische Belege behauptet, es seien etwa 72.000 Blätter, dann muss ich meinen Zweifel daran nicht begründen. Denn das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einmal näherungsweise korrekt. Es könnten auch 59.000 oder 203.000 sein.

Soviel zum vierten Gebot. Nun zur Frage, wie wir damit Pseudowissenschaften erkennen können. Das ist ganz einfach: Wir achten darauf, wer die Beweislast trägt und ob er sie erfüllt.[6] Vertreter von Pseudowissenschaften versuchen häufig, ihre Beweislast ohne Angabe von Gründen auf ihre Kritiker zu verschieben. Sie behaupten etwas Abenteuerliches und fordern jeden, der skeptisch bleibt, auf, das Gegenteil zu beweisen. Darauf sollten wir achten!

Frage 5: Gibt es unklare Aussagen?

Wie kann man Pseudowissenschaften noch erkennen? Einen Anhaltspunkt gibt uns die Rückführung des Attributes „pseudo“ auf seinen sprachgeschichtlichen Ursprung. „Pseudo“ kommt vom altgriechischen Wort „pseúdein“ (ψεύδειν), was so viel bedeutet wie „täuschen“. Und dieser Aspekt ist in der Tat Teil der Bedeutung des Wortes „Pseudowissenschaft“. Denn eine Pseudowissenschaft ist eine Disziplin, die unwissenschaftlich ist, aber Wissenschaftlichkeit vortäuscht. Wie macht man das? Messapparaturen und Labore helfen sicherlich. Weiße Kittel auch. Aber es geht noch einfacher: Wer wirken möchte wie ein Wissenschaftler, ohne einer zu sein, der sollte sich bemühen unverständlich zu sprechen! Viele Pseudowissenschaftler machen das. Sie sprechen in unverständlichem Jargon, den Laien leicht mit echter Wissenschaftssprache verwechseln können. Sie verwenden Wörter, die typischerweise in den Wissenschaften verwendet werden, z.B. „Energie“ oder „Quantum“. Anders als Wissenschaftler erklären sie solche Begriffe jedoch nicht, sondern verwenden sie lediglich, um ihre Adressaten zu blenden. Diese Strategie hat einen Namen: „bullshitting“ (vgl. Frankfurt 2005)! Wenn Sie ein deutsches Wort vorziehen, können Sie auch von „Verkackeierung“ sprechen. Nach Einschätzung des Wissenschaftsphilosophen James Ladyman ist dieser Strategie ein wesentliches Charakteristikum von Pseudowissenschaften (vgl. Ladyman 2013). Um Pseudowissenschaften zu erkennen, sollten Sie sich also fragen: Werde ich gerade mithilfe hochtrabender Begriffe verkackeiert? Wenn ja, dann wird das fünfte Gebote des gesunden Menschenverstands verletzt, das Klarheit und Präzision erfordert.

Frage 6: Gibt es logische Schwachstellen?

Die Frage nach logischen Lücken in der Argumentation haben wir bereits besprochen (siehe Frage 2, oben). Eine ähnliche Frage ergibt sich aus dem sechsten Gebot des gesunden Menschenverstands. Es lautet: Bleiben Sie logisch sauber! Bevor Sie etwas glauben, sollten Sie prüfen, ob darin logische Schwachstellen enthalten sind.

Dieser Hinweis ist – einmal mehr – ziemlich allgemein. Es gibt viele einzelne Techniken, mit denen Sie logische Fehler finden können. Eine Technik, die im Alltag sehr nützlich ist, ist die „Das-würde-ja-bedeuten-dass-…“-Technik.[7] So funktioniert sie: Sie akzeptieren eine bestimmte Aussage als Annahme. Dann fragen Sie sich, was alles aus dieser Annahme folgt. Wenn Sie auf etwas kommen, das nachweislich falsch ist oder der Annahme selbst widerspricht, dann ist die Annahme, mit der Sie begonnen haben, widerlegt.

Nehmen wir ein Beispiel aus der Homöopathie, um das zu veranschaulichen. Homöopathen behaupten, dass hochverdünnte Substanzen eine heilende Wirkung haben können. Wir wissen, dass es im Zuge des Verdünnungsprozesses zu Verunreinigungen (z.B. durch Schwebstoffe, Staub und Pollen) kommt. Diese Verunreinigungen müssten also – der homöopathischen Logik folgend – mitverdünnt werden und ebenfalls eine Wirkung entfalten (vgl. Grams 2015). Das beobachten wir jedoch nicht. Also sollten wir an der Annahme zweifeln, dass mithilfe von Verdünnungsprozessen effektive Arzneimittel entwickelt werden können. Logische Schwachstellen wie diese sind typisch für Pseudowissenschaften! Ich denke, es lohnt sich darauf zu achten!

Frage 7: Werden sprachliche Tricks verwendet?

Wenn Sie in der Lage sind, logische Fehler zu erkennen, sollte Ihnen das helfen, Pseudowissenschaften auf die Schliche zu kommen. Allerdings haben bestimmte Denkfehler, die Pseudowissenschaften kennzeichnen, mit Logik im engen Sinne nichts zu tun. Sie verletzten vielmehr das siebte Gebote des gesunden Menschenverstands, das besagt: Tappen Sie nicht in die Sprachfalle.

Betrachten wir dazu als Beispiel den Begriff der „Alternativmedizin“, den auch Skeptiker häufig verwenden. Dieser Begriff ist problematisch, weil er verwendet werden kann, um eine stillschweigende Annahme zu kommunizieren, die nicht belegt wird.[8] Er scheint vorauszusetzen, dass es unterschiedliche Arten von Medizin gibt: die alternativen Varianten und die nicht-alternativen. Bei beiden, so die Annahme, handelt es sich aber um Medizin. Das ist falsch. Was normalerweise als „Alternativmedizin“ bezeichnet wird, ist eine Menge von Behandlungsmethoden, Praktiken und Präparaten, die entweder erwiesenermaßen unwirksam (oder gar schädlich) sind oder nicht erwiesenermaßen wirken. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei Alternativmedizin eben nicht um Medizin – genauso wie es sich bei einer Gummiente nicht um eine Ente handelt. Die Bezeichnung „Alternativmedizin“ ist lediglich ein sprachlicher Trick!

Pseudowissenschaftler erkennt man m.E. nicht nur daran, dass sie bei der Beschreibung ihrer eigenen Geistesfrüchte sprachlich tricksen. Sie tun das auch, wenn sie über Wissenschaften sprechen, die sie kritisieren. Kreationisten sind ein gutes Beispiel dafür. Sie betonen gerne, dass es sich bei der Evolutionstheorie nur um eine „Theorie“ handelt. Und eine Theorie, so das Argument, sei eben keine erwiesene Tatsache, sondern lediglich eine Vermutung. Also solle man die Evolutionstheorie nicht vorbehaltlos anerkennen und dem Kreationismus ebenfalls eine Chance geben (z.B. im Schulunterricht). Der sprachliche Trick, der hinter diesem Gedankengang steckt, liegt darin, dass eine Mehrdeutigkeit in der Bedeutung des Wortes „Theorie“ ausgenutzt wird. Im Alltag verwenden wir das Wort „Theorie“ tatsächlich, um eine Vermutung zu bezeichnen (Bsp.: „Meine Theorie ist, dass ich mein Handy im Auto vergessen habe.“). Die wissenschaftliche Verwendungsweise dieses Ausdrucks ist aber eine ganz andere. Wenn wir von der Evolutionstheorie, der Gravitationstheorie oder der heliozentrischen Theorie sprechen, dann nicht, weil sagen wollen, dass es sich dabei jeweils um lose Vermutungen handelt. Wer das trotzdem annimmt, verwendet bloß einen sprachlichen Trick, der in meinen Augen typisch für die Pseudowissenschaften ist!

Frage 8: Werden irrelevante Gesichtspunkte angesprochen?

Mir scheint, Pseudowissenschaftler haben eines mit Politikern gemeinsam. Wenn Politiker nicht mehr weiterwissen, weil sie in der Sache Unrecht haben, dann versuchen sie in der Regel das Thema zu wechseln. Sie sagen etwas, das thematisch benachbart ist, aber strenggenommen nichts mit der Fragestellung zu tun hat, um die es gerade geht. Beispiel: Der Politiker Hinz wird gefragt, ob ein jüngerer Vorfall zu Krach in der Regierungskoalition geführt hat. Er antwortet darauf, indem er über die erfolgreichen Projekte redet, die die Regierungsparteien in der Vergangenheit auf die Beine gestellt haben, und betont die harmonische Zusammenarbeit, die das möglich gemacht hat. So zieht sich Hinz geschickt aus der Affäre. Denn man muss schon genau zuhören, wenn man erkennen möchte, dass er gar nicht zu den aktuellen Vorfällen spricht. Meiner Erfahrung nach machen es Anhänger von Pseudowissenschaften häufig ähnlich. Werden sie mit unangenehmen Fragen konfrontiert, dann wechseln sie das Thema. Damit verletzen sie das achte Gebot des gesunden Menschenverstands, das verlangt, bei der Sache zu bleiben.

Wie das konkret aussehen kann, machen wir uns wieder anhand eines Beispiels klar: Stellen wir uns die Heilpraktikerin Frau Kunz vor. Sie bietet eine Form der Behandlung an, die mit wissenschaftlichen Methoden rauf und runter getestet wurde. Leider gibt es aber keinerlei Belege dafür, dass etwas dran ist. Wir fragen Frau Kunz, wie sie trotz dieser negativen Ergebnisse der Ansicht sein kann, dass Ihre Behandlungsmethode funktioniert. Was kann sie antworten, um subtil vom Thema abzulenken? Drei besonders beliebte Möglichkeiten sind die folgenden: Strategie 1 (Popularitätsargument): „Ich versteh die Zweifel nicht. Meine Form der Behandlung ist sehr beliebt. Ich habe zahlreiche Kollegen, die das genauso machen. Und viele Patienten fahren sehr gut damit und sind sehr zufrieden.“ Strategie 2 (Traditionsargument): „Meine Behandlungsmethode wird seit über 200 Jahren angewandt. Deswegen muss doch etwas dran sein!“ Strategie 3 (Appell an die Natur): „Ich biete meinen Patienten eine Therapieform, die völlig natürlich ist, und vergifte sie nicht mit Chemie, so wie das die Schulmediziner machen.“ All diese Antwortstrategien haben eines gemeinsam: Sie lenken von der Sache ab. Es geht schließlich um die Frage, wie Frau Kunz an ihre Behandlungsmethode glauben kann, wo es doch keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt. Diese Frage müsste sie beantworten, indem sie unsere Annahme widerlegt, nach der es keine wissenschaftlichen Belege gibt, die ihre Sichtweise stützen. Stattdessen spricht sie über die Popularität, Tradition und Natürlichkeit ihrer Therapieform. Nichts davon hat etwas mit unserer Frage zu tun. Bei diesen Antworten handelt es sich lediglich um Ausflüchte, die m.E. für Pseudowissenschaftler charakteristisch sind.

Frage 9: Wird die Sachlage einseitig dargestellt?

Frau Kunz hätte auch einen weiteren Kunstgriff machen können. Sie hätte sagen können: „Was ich meinen Patienten anbiete, habe ich selbst ausprobiert. Meine Befindlichkeit hat sich schnell gebessert. Also funktioniert meine Behandlungsmethode.“ Diese Antwort ist ebenfalls problematisch, aber aus anderen Gründen als die drei vorgenannten. Frau Kunz nennt einen Fall als Anhaltspunkt für ihre These, dass ihre Behandlungsmethode funktioniert. Und der ist auch relevant für ihre These. Allerdings ist die Betrachtung, die sie anstellt, extrem einseitig. Denn sie blendet alle anderen verfügbaren Daten aus – insbesondere die Daten aus den wissenschaftlichen Studien, auf die wir sie hingewiesen haben.[9] Sie verletzt damit das neunte Gebot des gesunden Menschenverstands. Es lautet: Schau mit beiden Augen hin! Die konkrete Strategie, die Frau Kunz verwendet, nennt man einen „anekdotischen Beleg“. Dabei handelt es sich um den Hinweis auf einen einzigen Datenpunkt aus der eigenen Erfahrung – eine krasse Form der Einseitigkeit im Denken, die m.E. typisch für die Argumentation in den Pseudowissenschaften ist.

Anekdotische Belege sind allerdings sehr leicht zu erkennen. Deswegen eignen sie sich nicht dafür, kritische Menschen von pseudowissenschaftlichen Thesen zu überzeugen. Aber auch dafür gibt es Strategien, und die sind teilweise sehr schwierig zu entlarven. Ein Beispiel ist die gezielte Vernachlässigung der Apriori-Plausibilität einer Behauptung. Um zu verstehen, was es damit auf sich hat, ändern wir unser Beispiel. Nehmen wir an, die politische Karriere von Herrn Hinz ist durch einen Koalitionskrach zu einem jähen Ende gekommen. Nun verdingt er sich als Wunderheiler und behandelt seine Patienten durch Handauflegen. Nehmen wir an, er hat seine Fähigkeiten als Wunderheiler durch eine unabhängige Forschergruppe überprüfen lassen. In einem Versuch kam heraus, dass sich die Befindlichkeit der Studienteilnehmer verbesserte, wenn Herr Hinz ihnen die Hand auflegte. Dagegen blieb sie immer gleich, wenn das ein Laie machte.[10] Es ist möglich, dass diese Verteilung durch Zufall zustande kam. Aber die Wahrscheinlichkeit, eine solche Verteilung durch Zufall zu erzielen, liegt nur bei unter 1 %. In diesem Fall sprechen also alle verfügbaren Daten für die Schlussfolgerung, dass Herr Hinz tatsächlich die Fähigkeit besitzt, durch Handauflegen zu heilen. Dennoch sollten wir diese Schlussfolgerung nicht ziehen. Denn auch damit würden wir einen Einseitigkeitsfehlschluss machen, der das neunte Gebot des gesunden Menschenverstands verletzt. Warum?[11] Hierzu muss man ins Kalkül ziehen, dass es von vornherein (a priori) extrem unplausibel ist, dass Handauflegen eine effektive Therapieform darstellen kann. Wer nur das Ergebnis des Experiments betrachtet, aber nicht die Apriori-(Im-)Plausibilität der entsprechenden Hypothese, der ignoriert diesen Umstand und macht damit einen Einseitigkeitsfehler.[12] Es ist wichtig, dass wir nicht nur die empirischen Daten betrachten, die für eine Hypothese sprechen, sondern auch die Apriori-Plausibilität einschätzen, dass etwas an der Hypothese dran ist.[13] Pseudowissenschaften erkennt man m.E. auch daran, dass sie diesen Grundsatz regelmäßig verletzen.

Frage 10: Versucht man, Ihnen einen Bären aufzubinden?

Das zehnte Gebot des gesunden Menschenverstands lautet: Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden! Es führt uns zur zehnten Frage, die wir stellen können, um Pseudowissenschaften zu erkennen.

Zunächst: Was bedeutet es, sich einen Bären aufbinden zu lassen? Ich würde das so beantworten: Sie lassen sich einen Bären aufbinden, wenn Sie sich mit psychologischen Mitteln dazu verführen lassen, eine Behauptung zu akzeptieren, die bei näherer Prüfung völlig ungerechtfertigt ist. Die psychologische Überzeugungskraft, um die es mir hier geht, kann aus verschiedenen Quellen kommen. Eine Möglichkeit besteht darin, einen behaupteten Sachverhalt so eingängig wie möglich zu beschreiben. Nehmen wir wieder die Homöopathie als Beispiel, um das zu veranschaulichen. Dort wird behauptet, die Information der ultramolekular verdünnten Ursubstanz werde über die einzelnen Verdünnungsschritte hinweg erhalten und schließlich auf die Globuli übertragen. Das ist extrem unwahrscheinlich, weil ja am Ende des Verdünnungsprozesses kein einziges Molekül der Ursubstanz mehr übrig ist (was auch Homöopathen nicht bestreiten). Um die Behauptung der Homöopathie zu belegen, müsste man idealerweise erklären, wie der Prozess der Informationsübertragung funktioniert. Zumindest müsste man aber nachweisen, dass die Information, die in der Ursubstanz steckte, tatsächlich nach Verdünnung im Wasser (und danach auf den Globuli) nachweisbar ist. Weil das aber bisher nicht gelungen ist, versuchen Homöopathen etwas anderes. Sie beschreiben anhand eines Vergleichsobjektes, wie Sie sich den Prozess der Informationsübertragung vorstellen müssen. Irene Schlingensiepen und Mark-Alexander Byrsch schlagen zum Beispiel in ihrem Buch Homöopathie für Skeptiker (2014) vor, sich die Übertragung der Information in der Homöopathie so vorzustellen wie die Übertragung der Anweisung „Platz“ an einen Hund.[14] Diese Erläuterung macht den Prozess der Informationsübertragung tatsächlich eingängig und vorstellbar. Jeder hat schon mal zu einem Hund „Platz“ gesagt oder dies beobachtet. Bei der Informationsübertragung in der homöopathischen Arzneimittelherstellung kann man sich das analog vorstellen: Die Ursubstanz ruft den Wassermolekülen die Information gewissermaßen zu. Bei jedem weiteren Verdünnungsschritt rufen dann die informierten Wassermoleküle den uninformierten Wassermolekülen die Information zu, bis diese schließlich auf den Globuli ankommt und dort vom Zucker entgegengenommen wird.

Diese „Erklärung“ erklärt eigentlich gar nichts, sondern beutet lediglich die menschliche Neigung aus, plausibel zu finden, was man sich gut vorstellen kann. Tatsächlich ist sie absurd. Nehmen wir an, ich sage, dass ich mit meinem Geist Gegenstände zum Explodieren bringen kann. Wenn Sie nun fragen, wie das denn funktionieren soll, sage ich: „Das funktioniert so, als würden Sie zu Ihrem Hund „Platz“ sagen, und der setzt sich. Ich sage in meinem Geist „Explodiere“ und das Ding explodiert!“ Dieser Fall zeigt: Dass man sich eine Sache gut vorstellen kann, bedeutet nicht, dass an der entsprechenden Vorstellung auch etwas dran ist. Pseudowissenschaftler erkennt man m.E. daran, dass sie häufig das eine mit dem anderen gleichsetzen, um Ihnen auf diese Weise einen Bären aufzubinden.

Fazit

Eingangs habe ich gesagt, dass es sehr schwierig ist, absolut präzise zu bestimmten, was Pseudowissenschaften ausmacht. Wie wir jedoch gesehen haben, gibt es zehn einfache Fragen, die vermutlich gut für die Indiziensuche taugen. Wenn Sie diese zehn Fragen stellen und beantworten, sollte es Ihnen gelingen, eindeutige Fälle von Pseudowissenschaft zuverlässig zu erkennen. Das zumindest ist meine Hypothese!

Literatur

Frankfurt, H. (2005): On Bullshit. Princeton University Press, Princeton. (Deutsche Ausgabe: Bullshit. Suhrkamp, Frankfurt/Main, 2014, übersetzt von Michael Bischoff.)

Grams, N. (2015): Homöopathie neu gedacht. Springer, Berlin/Heidelberg.

Hitchens, C. (2003): „Mommie Dearest“, Slate, 20. Oktober 2015. Online verfügbar unten: http://goo.gl/efSMV (Zugriff am 27.03.2017).

Hume, D. (1748/1999): An Enquiry Concerning Human Understanding. Oxford University Press, Oxford/New York. (Deutsche Ausgabe: Traktat über die menschliche Natur. Meiner, Hamburg 1989, übersetzt von Theodor Lipps.)

Ioannidis, J. P. A. (2005): „Why Most Published Research Findings Are False,“ PLoS Med 2(8): e124.

Ladyman, J. (2013): „Toward a Demarcation of Science from Pseudoscience.“ In: Pigliucci, M.; Boudry, M. (Hrsg.): Philosophy of Pseudoscience. Chicago: Chicago University Press, Chicago, S. 45-60.

Mahner, M. (2013): „Science and Pseudoscience – How to Demarcate after the (Alleged) Demise of the Demarcation Problem.“ In: Pigliucci, M.; Boudry, M. (Hrsg.): Philosophy of Pseudoscience. Chicago University Press, Chicago, S. 29-44.

Mukerji, N. (2017): Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands. Springer, Berlin/Heidelberg.

Pigliucci, M.; Boudry, M. (Hrsg. 2013): Philosophy of Pseudoscience. Chicago University Press, Chicago.

Popper, K. (1935): Logik der Forschung. Julius Springer, Wien.

Sokal, A.; Bricmont, J. (1998): Fashionable Nonsense. Picador, New York. (Deutsche Übersetzung: Eleganter Unsinn, 1999, dtv, München, übersetzt von Dietmar Zimmer.)

Weymayr, C. (2013): „Scientabilität – ein Konzept zum Umgang der EbM mit homöopathischen Arzneimitteln.“ Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen 107(9–10), S. 606–610.

Anmerkungen

[1] Eine notwendige Voraussetzung stellt Poppers Falsifikationskriterium offenbar auch nicht dar, zumindest wenn man positive Existenzaussagen wie etwa „Es gibt schwarze Löcher im Universum.“ als wissenschaftliche Aussagen gelten lassen möchte. Denn die sind nicht widerlegbar.

[2] Die von Massimo Pigliucci und Maarten Boudry herausgegebene Aufsatzsammlung Philosophy of Pseudoscience: Reconsidering the Demarcation Problem (Chicago, 2013) gibt einen hervorragenden Überblick über den aktuellen Stand der Debatte.

[3] Allerdings weist Mahner in der darauffolgenden Liste von Prüfkriterien (S. 38-39) auf einige Aspekte hin, die die Argumentation in den Pseudowissenschaften betreffen.

[4] Martin Mahner wies mich darauf hin, dass man diese Hypothese empirisch testen müsste. Hier geht es mir jedoch lediglich darum, meine Hypothese klar zu formulieren.

[5] Die Physiker Alan Sokal und Jean Bricmont haben in ihrem Buch Fashionble Nonsense (1998) interessantes Anschauungsmaterial zusammengetragen, das in dieser Hinsicht relevant ist.

[6] In Kap. 4 meines Buches Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands (2017) bespreche ich die Regeln für die Zuschreibung von Beweislast explizit.

[7] Diese Technik nutzt eine Argumentationsstrategie, die man in der logisch-philosophischen Fachsprache Reductio ad absurdum nennt.

[8] An diesem Punkt sollte also auch Frage 4 anschlagen!

[9] Das Problem, dass die Erfahrungen von Frau Kunz z.B. durch einen Placebo-Effekt erklärt werden könnten, lassen wir hier einmal außer Acht.

[10] Bei der Beurteilung der Aussagekraft des Experiments kommt es natürlich auf die Details an. Wir sollten z.B. fragen, ob die Versuchsgruppen groß genug waren, ob eine Randomisierung bei der Gruppeneinteilung stattfand und ob eine entsprechende Verblindung vorgenommen wurde. Aber um diese Fragen geht es mir hier nicht.

[11] Den folgenden Gedankengang stellte bereits der Philosoph David Hume (1711-1776) in Kap. 10 seines Buches An Enquiry Concerning Human Understanding (1748/1999) an.

[12] Dieses Problem greift allerdings auch in die Wissenschaften über (vgl. Ioannides 2005).

[13] Dieser Gedanke verbirgt sich hinter dem Konzept der „Scientabilität“, den Christian Weymayr vorgeschlagen hat (vgl. Weymayr 2013).

[14] Dieses Beispiel verdanke ich Natalie Grams.